Literatur / Buchrezensionen:


Johannes Müller: Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel
                              - Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas

Sonderheft 11/2017 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, Konrad Theiss Verlag, 2017
ISBN 978-3-8062-3464-0

Als ich von dem Buch hörte, dachte ich: "Wird wohl wieder eine Aufzählung der bekanntesten Bodendenkmäler Norddeutschland sein." Ich habe mir das Buch trotzdem angeschaut, um zu sehen, ob es was Neues darin gibt. Und ich wurde positiv überrascht! Das Buch hat meinen Horizont als begeisteter Hobby-Neolithiker (Megalithfan) erweitert.
Einzelne Bodendenkmäler des Buchtitels werden in Müllers Ausarbeitung nur erwähnt, wenn dort neuere Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Der Focus des Buches liegt auf den neuesten Forschungsergebnissen zur Trichterbecherkultur, die im Rahmen des
Schwerpunktprogrammes 1400 der deutschen Forschungsgesellschaft mit dem Titel Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung (Zur Entstehung und Entwicklung neolithischer Großbauten und erster komplexer Gesellschaften im nördlichen Mitteleuropa) in den letzten Jahren gewonnen wurden. Dabei werden besonders die Grabungen in Schleswig-Holstein ausgewertet.

Nach einer kurzen Beschreibung der norddeutschen Landschaft vor ca. 5000 Jahren führt Müller den Leser in die Chronologie der Trichterbecherzeit ein und stellt einige heute gebräuchliche, archäologische Datierungsmethoden vor, was zur Einteilung des Neolithikums in zeitliche Phasen und räumliche Gruppen führt.
Interessant ist vor allem das Kapitel über neolithische Häuser und die zugehörige Infrastruktur. Denn bis vor einem Jahrzehnt waren nur sehr wenige Hausgrundrisse aus dem Neolithikum bekannt. Dies hat sich bei den letzten Grabungen entscheidend geändert, deren Ergebnisse von Müller relativ ausführlich beschrieben werden. Nach den Grabungen in Büdelsdorf, Oldenburg-Dannau und am Dümmer ist heute sicher, dass es im Neolithikum nicht nur Einzelgehöfte, sondern auch Dorfgemeinschaften gab.
Ebenso ausführlich ist das Kapitel über die Domestizierung von Tieren und Pflanzen, deren Nutzung, die Landwirtschaft und die Ernährung im Neolithikum. Auch hier konnten durch Grabungen im letzten Jahrzehnt neue Zusammenhänge geklärt werden.

Dann führt Johannes Müller den Leser zur urgeschichtlichen Grabkultur. Er erläutert, dass bereits im Mesolithikum Siedlungsplätze mit Gruppen von Flachgräbern markiert wurden, die sich z.T. unter bis zu 125 m langen Muschelhaufen befanden. Danach werden die vielfältigen Bestattungsformen aus der Trichterbecherzeit beschrieben, wobei viele Bestattungen in Erdgruben stattfanden, die mit Steinpflaster und diversen Holz- und Steineinbauten stabilisiert wurden. Die frühesten Monumentalbauten waren sog. nichtmegalithische Langhügel, die ca. 50 m lang waren.
Die faszinierenden Megalithgräber nehmen im Buch natürlich einen  breiten Raum ein. Die Entwicklung und die unterschiedlichen Grabtypen werden beschrieben. Es ist wohl nach wie vor davon auszugehen, dass die einfachen Dolmen die früheste Bauform der Megalithgräber sind, und dass die immer größer werdenden Ganggräber aus ihnen abgeleitet wurden. Dank der in den letzten Jahrzehnten sehr sorgfältigen Ausgrabungstechniken konnten Befunde realisiert werden, die ausführliche Erläuterungen zur Bestattung der Toten, der dabei stattgefundenen Rituale und der Votivgaben möglich machen. In diesem Zusammenhang kann sehr gut der zeitliche Ablauf der Nutzung einzelner Megalithgräber über die Jahrhunderte sichtbar und die über die Zeit erfolgte Veränderung der Rituale erklärbar gemacht werden.

Die wohl größten Bauten aus dem Neolithikum sind die Grabenwerke außerhalb von Siedlungsanlagen. Derartige Anlagen wurden in Südosteuropa schon im 48. Jahrhundert errichtet. Die nordischen Trichterbecher-Grabenwerke lassen sich jedoch auf solche zurückführen, die im Pariser Becken entwickelt wurden und sich dann kontinuierlich von dort nach Nordosten bis Dänemark und Südschweden ausbreiteten, wobei die Westgruppe der Trichterbecherkultur frei von Grabenwerken blieb. Auch bei den Grabenwerken konnten durch die neuesten Grabungen verschiedene Nutzungszeiten, Unterbrechungen und unterschiedliche Nutzungsrituale im Verlaufe ihrer Existenz nachgewiesen werden. Anhand der Befunde aus den Grabenwerken wird gezeigt, dass sie Zentren weitreichender Kommunikations- und Handelswege bis nach Süddeutschland waren.

Auch den Rohstoffen Flint, Kupfer, Bernstein und Gold wird ein Kapitel gewidmet. Flint war der wichtigste Rohstoff im Neolithikum und stand an den Küsten in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Von dort wurden Fertig- und Halbfertigprodukte ins Landesinnere gehandelt. An Hand des weißen Flints und des nur auf Helgoland vorkommenden roten Flints werden Handelswege inkl. der notwendigen Seeschifffahrt verdeutlicht. Kupfer und Gold wurden ab 3600 v.Chr. aus dem Süden importiert, als Gegenwert fanden Flint und Bernstein ihren Weg nach Süden.

Im letzten Kapitel beschreibt Müller in wenigen, präzisen Sätzen die sog. neolithische Revolution, auch wenn er diese Begriff nie verwendet: Der Übergang vom mesolithischen Wildbeuter zum jungneolithischen Bauern. Durch die Landwirtschaft werden Siedlungen im Landesinnern möglich. Neue Techniken in Landwirtschaft, Viehzucht und Werkzeugherstellung werden eingesetzt. Monumentale Bauten, zuerst Langhügel, später Megalithgräber sind Zeichen für die Inbesitznahme des Landes, und sie kennzeichnen, wie die Grabenwerke, unübersehbar die Zentren des menschlichen Zusammenlebens. Diese Phase des frühen und mittleren Neolithikums ist eine offensichtliche Zeit des Friedens. Ab 3200 v. Chr. nimmt der Anteil der waffenfähigen Artefakte bei den archäologischen Funden zu, ein deutliches Zeichen, dass die kriegerischen Konflikte zunehmen. Damit einhergehend hört der personalintensive Bau der Großsteingräber allmählich auf. Eine neue Epoche beginnt...

Auf den 112 Seiten des großformatigen Buches präsentiert Johannes Müller somit einen umfassenden Überblick über den Stand der Forschung zum Neolithikum in Norddeutschland und Südskandinavien. Das Buch ist besonders für den interessierten Laien interessant, der sich schnell in die Materie einarbeiten will. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis bietet Hinweise für denjenigen, der mehr in die Tiefe gehen möchte.
Ich kann das Buch jedem "Megalithfan" nur wärmstens empfehlen.

Bernd Rothmann


Johannes Müller ist Professor und Direktor des ur- und frühgeschichtlichen Instituts an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel.