Ausnehmen bronzezeitlicher Urnen beim NLD am 10. und 11.1.2015


Das Geheimnis der Vechtaer Urnen

Für den 10. und 11. 1. 2015 hatte Frau Dr. Fries vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) in Oldenburg zahlreiche Ehrenamtliche und Amateurarchäologen eingeladen, um in den Räumen des NLD bronze- und eisenzeitliche Urnen auszunehmen, die seit ihrer Bergung bereits ge-raume Zeit im Archiv des NLD schlummerten.

Informationen zur Grabung
Für diese Aktion waren Urnen aus dem Gräberfeld am Kreishaus in Vechta (Fundstelle Vechta 10) ausgewählt worden. In den Jahren 1995 bis 2000 wurden in Vechta im Zusammenhang mit dem Bau des Kreisverwaltungsgebäudes mehrere Grabungskampagnen in einem vermutlich mehrere Hektar großen Urnengräberfeld aus der späten Bronzezeit (10. - 7. Jh. v. Chr.) bzw. Jungsteinzeit durchge-führt. Auf ca. 6000 m² wurden mehr als 135 Bestattungen unterschiedlicher Form und Charakters freigelegt, darunter Urnen, Leichenbrandlager, Gräber ohne Grabeinhegungen, eine Kreisgrabenan-lage und mehrere Lang- und Schlüssellochgräber.
Das ursprüngliche Gräberfeld war viel größer als die Grabungsfläche und ist heute von Straßen und Siedlungsflächen überdeckt. Seit 2011 gibt es im Museum im Zeughaus in Vechta eine sehr schöne, kleine Ausstellung zu diesen Befunden.

Außerdem wurden im September 2001 von der Arbeitsgemeinschaft für Archäologische Denkmalpfle-ge aus Oldenburg im Rahmen eines Experimentes drei unterschiedliche Grabanlagen nur mit Hilfe von feuergehärteten Holzwerkzeugen nachgebaut. Diese drei Grabhügel sind auf einer Wiese westlich des Kreishausgeländes noch zu sehen. In der Parkanlage unmittelbar westlich vom Kreishaus hat man in Rasenflächen und Wegen mit kleinen, polierten Pflastersteinen einige Umrisse von Grabhü-geln dauerhaft sichtbar gemacht, obwohl die Hügel selbst eingeebnet wurden.

3000 Jahre alte Urnen
Zahlreiche Urnen, die 1995 bis 2005 während der Grabung mit Gips ummantelt und als Block geborgen worden waren, waren vorbereitet worden, und am 10. und 11. Januar 2015 durften 9 Hobbyarchäologen unter fachkundiger Anleitung die Urnen öffnen und den Inhalt herausnehmen. Michael Wesemann vom NLD sorgte für die archäologische Betreuung, und Frau Dr. Birgit Groß-kopf von der Universität Göttingen erläuterte die Möglich-keiten der physischen Anthropologie. Alle freigelegten Leichenbrände werden von ihr später an der Universität genauer untersucht.

Ich hatte das Vergnügen, gleich am ersten Tag dabei zu sein. Vor jedem Teilnehmer stand ein weißer, annähernd urnenförmiger Gipsblock, dessen „Deckel“ bereits vorher mit der Flex vorsichtig abgetrennt worden war. Nach dem Abheben des Deckels kam eine sandige Oberfläche zum Vorschein, die vorsichtig mit Holzspatel und Pinsel soweit abgetragen wurde, bis eine ebene Fläche, das sog. Planum 1, entstanden war. 
Nun wurde sich schichtenweise in die Tiefe gearbeitet, wobei alle Scherben- und Leichenbrandreste, die dabei Schicht für Schicht gefunden wurden, gereinigt und gesammelt wurden.
Wenn ein auffälliger Knochenrest zum Vorschein kam, stand Frau Dr. Großkopfsofort mit Rat und Tat zur Verfügung. Außerdem wurde das Freilegen des Urneninhaltes regelmäßig fotografisch dokumentiert.
Obenauf lag stets eine mehr oder weniger dicke, meist graue Sandschicht. Erst wenn man sich langsam in die Tiefe der Urne vorgearbeitet hatte, wurden die Reste des Leichenbrandes sichtbar.

DasAusnehmen der Urnen Schicht für Schicht erfolgte, damit Rückschlüsse darauf gezogen werden könnten, wie die Reste der Verstorbenen in die Urnen eingebracht wurden.
Nachdem der Scheiterhaufen mit dem Toten ausgekühlt war, wurden in der Bronzezeit vermutlich die nicht verbrannten Knochenreste aus der Asche ausgelesen und in die Urne gegeben. Dabei könnten entweder alle Knochenreste wahllos zusammen gesammelt worden sein, oder man hat mit dem Einbringen der Knochen z.B. an den Füßen oder dem Kopf begonnen und sich dann systematisch bis zum anderen Ende des Scheiterhaufens vorgearbeitet.

In den von uns ausgenommenen Urnen war keine eindeutige Schichtung der Knochen zu erkennen. Außerdem bargen die Urnen, bis auf eine Ausnahme, nur relativ wenige Knochenreste. Einige wenige Urnen waren sogar völlig frei von Leichenbrand und nur mit Sand gefüllt.

Erstaunlicherweise fanden sich in den meisten Urnen Überreste von Kindern. Dies konnte Frau Dr. Großkopf nicht nur aus der geringen Größe der Knochen ableiten, sondern auch aus der Art der Nähte der Schädelknochen, der Ausbildung von Zahnwurzeln und aus anderen altersspezifischen Details, die sogar noch bei den bei der Verbrennung zurückgebliebenen Knochenresten abzulesen waren. So war bei einem Kind sofort zu erkennen, dass es unter Eisenmangel gelitten haben muss.

 
linkes Bild: Begutachtung der Funde durch Frau Dr. Großkopf (Mitte)  rechtes Bild: vorsichtiges Ausnehmen einer Schicht unter dem Fotostativ

 
linkes Bild: Leichenbrand aus einer Urne                                            rechtes Bild: Zähne eines Kleinkindes

Die manchmal in Urnen gefundenen Grabbeigaben wir Schmuckstücke aus Bronze, Bernsteinperlen o.ä. wurden in den untersuchten Urnen nicht gefunden.
Die einzige entdeckte Grabbeigabe war ein kleines Tontöpfchen, das in einer Urne oben auf dem Leichenbrand stand.

 
linkes Bild: ein kleines Tongefäß als Grabbeigabe in einer Urne     rechtes Bild: vielfältige Größen und Formen der Urnen des ersten Tages der Aktion

Alle Teilnehmer waren am Ende des Tages begeistert von dieser Aktion, die uns Hobby-Archäologen einen sehr interessanten Einblick in die Arbeit der professionellen Archäologen gegeben hat. Alle waren sich einig, bei der nächsten derartigen Urnenbearbeitung wieder dabei sein zu wollen.

Ein weiterer positiver Aspekt war die Tatsache, dass wir mit vereinten Kräften wieder ein paar wenige Mosaiksteinchen zur Nachbearbeitung der nun schon mehr als 14 Jahre zurückliegenden Grabung beigetragen haben.
Denn da in Deutschland eigentlich alle Ämter für Denkmalschutz personell extrem schwach besetzt sind, reicht die Personaldecke in der Regel gerade dazu, im Rahmen von Neubauprojekten die archäologischen Befunde mittels sog. Notgrabungen zu bergen. So wurden beim Bau des Kreishauses in Vechta zwar über 100 Urnen geborgen, aber für die weitere Untersuchung der Funde blieb - wie immer – nicht genügend Zeit. Dies soll jetzt – auch unter Einbeziehung von Praktikanten und Ehrenamtlichen – nachgeholt werden.

Text und Fotos: Bernd Rothmann


Copyright: B. Rothmann V1, zuletzt geändert am 26.1.15